Geleitwort des Monats

 

Juli 2019

 

Die Worte des Monats geben Halt und informieren Sie über theologische Aspekte. Dieses Mal sind die Worte von Pfarrerin Meike Waechter.

Jesus Christus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage. Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden und langsam zum Zorn. (Jakobus 1,19) bis an der Welt Ende. (Mt 28,20)

 

Ich möchte mich gerne zu Jakobus an den Tisch setzen, bei einer Tasse Kaffee und ihn fragen: An welche Situationen hast du gedacht, als du diesen Ratschlag oder diesen Wunsch aufgeschrieben hast? Wann erlebst du das, dass Menschen eben nicht zuhören, sondern schnell reden und auch schnell zornig werden? Und ich möchte ihm sagen: Du, Jakobus, du sprichst mir aus dem Herzen! Soll ich dir mal was erzählen?

Ich erlebe es so oft, dass Konflikte allein dadurch entstehen, dass Menschen einander nicht zuhören. Sie meinen, zu wissen, was andere denken, empfinden oder erlebt haben und bevor sie nachfragen, beginnen sie schon zu urteilen. Es werden keine Fragen mehr gestellt, sondern Vorurteile geschürt. Es wird nicht mehr nach gemeinsamen Perspektiven gesucht oder um Argumente gerungen, sondern die eigene Meinung wird als die einzig richtige dargestellt. Ich erlebe das in der Kirche, in der Gesellschaft, in der Politik, im Internet. In den USA hat sich der Begriff „fake news“ verbreitet. Das geht so weit, dass Tatsachen oder auch Meinungen als „fake news“ – also als Lügen – bezeichnet werden. Und daraus wird die Schlussfolgerung gezogen, dass man sich mit einer Lüge nicht auseinandersetzen muss. Ein Gespräch auf diesem Niveau ist nicht mehr möglich.

So sitze ich am Kaffeetisch und seufze. Leider sitzt mir Jakobus nicht gegenüber. Ich sitze hier ganz alleine mit meiner Kaffeetasse und denke: Es ist doch traurig, dass Jakobus diesen Ratschlag, diesen Wunsch damals in seinen Brief geschrieben hat, vor bald 2000 Jahren, und schon damals die Menschen einander nicht zugehört haben und sich daran bis heute nichts geändert hat. Das frustriert mich. Ich seufze noch einmal und blicke in meine leere Kaffeetasse. Und dann fällt mir etwas auf. Es ist wie mit so vielem, was in der Bibel steht. Wir müssen es uns immer und immer wieder sagen, daran erinnern und nicht verzagen. Und wie wäre es, wenn wir nicht Jakobus sondern einander zum Kaffee einladen würden. Dann könnten wir uns Zeit nehmen, um uns gegenseitig zuzuhören. Damit wäre schon ein Anfang gemacht, im Sinne von Jakobus zu leben.

Quelle: Die Hugenottenkirche. Juli und August 2019. Meike Waechter.