Geleitwort des Monats

Februar 2022

Die Worte des Monats geben Halt und informieren Sie über theologische Aspekte. Dieses Mal sind die Worte von Pfarrer Jürgen Kaiser.

Heidelberger Katechismus, Frage 1: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?”

Wer gute Antworten haben will, muss lernen, gute Fragen zu stellen. Katechismen waren lange Zeit Lehrbücher für den religiösen Elementarunterricht. Die Schüler lernten, indem sie die Antwort auf die vom Lehrer gestellte Frage auswendig lernten. Der Katechismus gab beides vor: Die Frage und die Antwort. Der Heidelberger Katechismus von 1563 beginnt mit einer sehr grundsätzlichen Frage: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?” Schon 1545 hatte Calvin seinen Genfer Katechismus mit einer ähnlichen Frage begonnen: „Was ist der Sinn des menschlichen Lebens?”
Calvins Frage ist die entscheidende Frage junger Menschen. Für mich jedenfalls war das so. Die Frage nach dem Sinn des Lebens hat mich zum Theologiestudium gebracht. Ich habe die Antwort, die mir Calvin auf seine Eingangsfrage in den Mund legt, durch die Studienwahl bestätigt: Der Sinn des Lebens ist die Erkenntnis Gottes.
30 Jahre später interessiert mich die erste Frage des Heidelberger Katechismus, die Frage nach dem einzigen Trost im Leben und im Sterben, viel mehr als die Frage nach dem Sinn des Lebens. Man wird ja mit zunehmendem Alter bescheiden: Wo man früher Sinn suchte, begnügt man sich später mit Trost.
Die erste Frage des Heidelberger Katechismus irritiert, wenn man sie nur als Frage stehen lässt und sich ihr - ohne gleich die Antwort zu vernehmen - aussetzt. Ich werde nach meinem einzigen Trost gefragt und muss passen: Ich habe viele! Ich lebe von vielen kleinen Tröstungen: die Familie, die Musik, ein gutes Buch, ein guter Film, ein gutes Essen... Aber schon die Frage als solche weist darauf hin, dass die kleinen Alltagströstungen nicht der einzige Trost sind, der im Leben und im Sterben trägt. Ich habe es immer schon geahnt, dass die Tröstungen des Alltäglichen an den Rändern des Lebens ihren Reiz und Geschmack verlieren würden. Der Heidelberger Katechismus bestätigt meine Ahnung. Mit seiner Antwort legt er mir etwas in den Mund und ans Herz, worauf ich von mir aus nicht gekommen wäre: „Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.”
Wo Calvin mit seiner Eingangsfrage im Genfer Katechismus mehr die intellektuelle Ebene des Glau- bens betont, hat der Heidelberger Katechismus mehr die Beziehungsebene vor Augen.
Konfirmanden allerdings schmeckt die Antwort des Heidelbergers gar nicht. Jugendliche streben nach Unabhängigkeit und wollen keinem anderen mehr gehören, nur noch sich selbst und ihr eigener Herr sein. Je älter man wird, desto stumpfer aber gerät im sich dehnenden Schatten der Einsamkeit der einstige Glanz der Freiheit. Verlässliche Beziehungen werden wertvoller als alle Freiheiten. Und dann rückt man gern in den Horizont einer Beziehung, die stärker ist als alles, was wir Menschen uns gegenseitig versprechen können: „Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.”

Quelle: Gemeindebrief Mitte, März 2013. Jürgen Kaiser