Geleitwort des Monats

Mai 2021

Die Worte des Monats geben Halt und informieren Sie über theologische Aspekte. Dieses Mal sind die Worte von Pfarrerin Cornelia Müller.

Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen! Spr 31,8

Für die Hilflosen und Schwachen einzustehen war im Alten Israel wie im gesamten Alten Orient ein verbreiteter Appell. Das Christentum hat diese Tradition weitergeführt und hat großen Anteil an der Schaffung des Sozialstaates, wie es ihn noch nie in der Geschichte der Menschheit gegeben hat: Diakonische Einrichtungen, Krankenhäuser, Altenpflege, Behinderteneinrichtungen, Hospize und Vieles mehr. Angesichts der Corona-Krise merken wir jedoch, wie schnell wir an unsere Grenze geraten: Krankenhäuser, auch Pflegeheime befinden sich nun fast schon ein Jahr lang in einer Ausnahmesituation, Pflegende quittieren den Dienst, weil sie sich nach anfänglichem Beifall allein gelassen und schlecht bezahlt fühlen angesichts der Menge der Arbeit und Verantwortung, die auf sie zu gekommen ist. Gleichzeitig müssen wir erleben, dass immer mehr Menschen auf der Straße lautstark ihre Grundrechte einfordern, leider oftmals unterwandert von Vertreter/innen verquerer Ideologien oder Verschwörungstheorien.
Wir leben, so analysiert der Philosoph Richard David Precht die Situation, in einer Vorteilsgesellschaft, in der die Menschen permanent dazu animiert werden, den größten persönlichen Vorteil für sich selbst zu sichern.
Das Gemeinsame und Verbindende wurde so durch einen permanenten Konkurrenzkampf ersetzt. Für Rücksichtnahme und Solidarität, Redlichkeit und Fairness bleibt, so Precht, in der angeblich so geilen „Geizwelt“ wenig Platz.
Eine unschöne gesellschaftliche Entwicklung, der wir als Kirche doch einiges entgegensetzen müssen und können: Vor allem Zusammenhalt, Gemeinschaft, Zeit für andere. Das ist eine Welt, die wir der Vorteilsgesellschaft bewusst entgegensetzen können. Und daraus ein Modell entwickeln können für ein besseres Leben. Eine Welt, in der Platz ist für alle, auch die Stummen und Schwachen.

Quelle: Gemeindebrief Potsdam, Mai-Juni 2021. Cornelia Müller