Geleitwort des Monats

August 2021

Die Worte des Monats geben Halt und informieren Sie über theologische Aspekte. Dieses Mal sind die Worte von Pfarrer Jürgen Kaiser.

Neige, HERR, dein Ohr und höre! Öffne, HERR, deine Augen und sieh her! - 2 Kön 19,16

Wie können wir beten? In brenzliger militärischer Lage kommt König Hiskia in den Tempel von Jerusalem und betet. Sanherib, der Großkönig von Assur, lässt Jerusalem belagern, die Verhandlungen mit seinen Unterhändlern sind gescheitert, der König holt Rat von Jesaja, dem Propheten, ein. Der kann den König beruhigen: Gott wird auf den Assyrer einwirken, dass der die Belagerung beendet und unverrichteter Dinge abzieht. Doch dann kommt wieder eine bedrohliche diplomatische Note aus Assyrien: Hiskia solle sich nicht auf seinen Gott verlassen. Das habe den anderen Königen, deren Reiche schon erobert worden sind, auch nichts genützt. Deren Götter konnten auch nicht helfen. Als Hiskia diese Drohung liest, geht er sofort in den Tempel, um zu beten: Herr, Gott Israels, der du über den Cherubim thronst, du bist allein Gott über alle Königreiche auf Erden, du hast Himmel und Erde gemacht. Herr, neige deine Ohren und höre; Herr, tu deine Augen auf und sieh und höre die Worte Sanheribs, der hergesandt hat, um dem lebendigen Gott Hohn zu sprechen. (2.Kön 19,15-16)
Wie können wir beten? Die Bibel zeigt es: Zunächst macht Hiskia Gott sehr groß. In der Anrede huldigt er seinem Gott, der über allem steht. Dann bittet er um Aufmerksamkeit für sein Anliegen und weist auf die geringschätzenden Worte Sanheribs hin, um Gottes Eifer zu entfachen.
Wie können wir beten? Viele meinen, sie können es gar nicht. Manche können nicht beten, weil sie nicht an Gott glauben. Andere können nicht beten, weil sie nicht wissen, wie sie mit Gott reden sollen. Sie denken, er wisse ja doch schon alles, er sehe alles, ihm könne nichts entgehen. Wenn wir beten und ihn an etwas erinnern – würde er nicht denken, wir hielten ihn für vergesslich? Wenn wir beten und ihn auf etwas aufmerksam machen – würde er nicht denken, wir hielten ihn für blind? Wenn wir beten und ihm etwas erklären – würde er nicht denken, wir hielten ihn für ignorant? Widerspricht das Beten nicht dem Glauben an einen allwissenden, alles verursachenden und alles vorhersehenden Gott?
Wer so von Gott denkt, könnte tatsächlich Beten für sinnlos halten. Die Bibel denkt ganz anders von Gott. Sie sieht in ihm einen menschlichen Gott. Gott hat Ohren, Gott hat Augen, Gott kann hören, Gott kann sehen. Oder auch nicht: Er hat Ohren, mag aber nicht hören, er hat Augen, schaut aber weg. Vielleicht ist er abgelenkt oder hat grad keine Lust. Vielleicht ist er sauer oder gereizt.
Man kann das allzu menschliche Bild, das die Bibel von Gott malt, für naiv oder gar für primitiv halten. Um aber Mut und Lust zu finden, mit Gott zu sprechen, ist es entscheidend, ein Gegenüber im Sinn zu haben, mit dem wir wie mit einem guten Freund, einer guten Freundin reden können. Zu dem man sagen kann: „Hör mir doch mal zu! Schau doch mal hin! Hast du vergessen, was du mir versprochen hast?“ Dabei muss man Gott gar nicht zunächst als über alles erhabenen König anreden, wie Hiskia das tut. Jesus meint, wir dürften gern auch „Vater“– oder „Mutter“ – zu ihm sagen.
Wie können wir beten? Wir können es, wenn wir uns vorstellen, wir redeten mit einer vertrauten Freundin oder einem vertrauten Freund.
Übrigens hat Gott auf Hiskia gehört und sich dann die Verhöhnungen durch Sanherib nicht bieten lassen. Der Engel des Herrn ging in der Nacht durch das Lager der Belagerer und tötete viele Soldaten. Manche sehen darin einen Hinweis auf eine Seuche, die die Assyrer zum Abzug zwang.

Quelle: Gemeindebrief Berlin-Mitte, August 2021. Jürgen Kaiser