Geleitwort des Monats

September 2020

Die Worte des Monats geben Halt und informieren Sie über theologische Aspekte. Dieses Mal sind die Worte von Pfarrer Karl Friedrich Ulrichs

Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat. - 2. Kor 5,19

Ich finde viele der sogenannten neuen geistlichen Lieder schön und singe sie gerne. Diesen besonders auch auf Kirchentagen gesungenen Songs wird oft nachgesagt, sie seien inhaltlich trivial oder sprachlich nicht so gelungen wie etwa die Klassiker von Paul Gerhardt. Das mag bei dem einen oder anderen zutreffen – wie übrigens auch die alten Gesangbuchlieder nicht durchweg theologische und poetische Meisterleistungen sind. Bei einem dieser neuen Lieder war ich auch lange skeptisch: „Wie ein Fest nach langer Trauer“ heißt es, ich habe es in meiner Zeit in der Pfarrerausbildung kennengelernt, weil die Vikarinnen und Vikare es gerne singen. Geschrieben hat es der (evangelikale) Publizist Jürgen Werth. In drei langen Strophen werden Bilder für Versöhnung aneinandergereiht; ich fand das immer ermüdend und manches sprachliche Bild auch nicht gelungen.

"Wie ein Fest nach langer Trauer, wie ein Feuer in der Nacht,

wie ein Feuer in der Nacht,

ein off ́nes Tor in einer Mauer,

für die Sonne aufgemacht.

Wie ein Brief nach langem Schweigen,

wie ein unverhoffter Gruß,

wie ein Blatt an toten Zweigen,

ein „Ich-mag-dich-trotzdem“-Kuss.

So geht das drei Strophen lang. Und dazwischen der hymnische Refrain: "So ist Versöhnung. So muss der wahre Friede sein. / So ist Versöhnung. So ist Vergeben und Verzeih ́n."

„Versöhnung“ ist ein großes Wort – und ein großartiges, weil es selbst schon ein sprachliches Bild ist: Es bedeutet ja, dass ein Mensch, der mit einem anderen „versöhnt“ ist, ihm so nahe ist wie ein Sohn (oder eine Tochter) den Eltern. In diesem Sinne die „Versöhnung“ zu umschreiben, auf diese naheliegende Idee ist der Textdichter leider nicht gekommen. Dabei ist das wirklich stark und lebensnah, weil wir ja alle aus unserer Biographie ein Verhältnis als Kind zu unseren Eltern erleben. Mit jemandem „versöhnt“ sein zeigt, dass ich von ihm her lebe, mich von ihm her verstehen kann. So beschreibt Paulus das Verhältnis zwischen Gott und uns Menschen, genauer: so wird Paulus seit Luther übersetzt. Gott setzt alles daran, dass wir seine Söhne und Töchter sind, ihm nahe sind, ihm vertrauen. In dieser Nähe und Vertrautheit können wir unser Leben gewiss leben: den Ort gestalten, an den Gott uns stellt, die Menschen lieben, mit denen er uns zusammenbringt, die Zeit erfüllt verbringen, die er uns schenkt.

Wird im Deutschen mit „Versöhnung“ ein bedeutungsstarkes Wort verwendet, spricht Paulus selbst mit dem griechischen Wort „vertauschen“ oder „än- dern“ überraschend schlicht – und das ausgerechnet im Zentrum seiner Botschaft: Gott war es, der die gestörte Beziehung zwischen sich und der Welt in ein heiles Verhältnis „vertauschte“, die Beziehung Gott-Mensch grundlegend „änderte“. Wenn Menschen sich nicht an Gott orientieren, ihm nicht vertrauen, nicht aufmerksam sind für sein Wort, verunglückt das Leben so, dass es Gottes Liebe und Treue nicht entspricht. Gott verändert diese Misere, indem er in Christus uns Menschen nahekommt, damit wir nicht fern von ihm leben, indem er seine Liebe dahingibt, um unsere zu gewinnen. „Versöhnung“ ist die größte Vertauschung und Änderung, die sich denken lässt. Auch von dieser Unfassbarkeit in einfacher Sprache hat sich der Textdichter des Liedes „Wie ein Fest nach langer Trauer“ leider nicht inspirieren lassen. Sie verstehen, warum ich den Verdacht nicht loswurde, der gute Mann habe vor lauter eigenen Einfällen, wie „Versöhnung“ denn (zu umschreiben) sei, nicht so recht in die Bibel geschaut.

Aber wie nun über „Versöhnung“ sprechen, wie davon singen? So schlicht wie bei Paulus geht es kaum. Der hat Briefe geschrieben, mit denen er seinen Gemeinden schwierige Glaubensgedanken nahebringen wollte; mit denen sollten sie vertrackte Probleme ihres Gemeindelebens lösen. Ich glaube, wir brauchen eine andere Sprache. Oder sollen wir wie Luther ein klangvolles Wort finden: „Versöhnung“. Aber klingt das Wort in unseren Ohren noch so lebendig, dramatisch und schön? Ich glaube, wir brauchen eine andere Sprache.

Und damit komme ich auf das gescholtene Lied zurück. Es ist wohl doch keine so schlechte Idee, sich (wie auch in der zweiten Strophe) mit vielen Bildern aus dem Leben von Menschen vor Augen zu führen, was „Versöhnung“ ist:

"Wie ein Regen in der Wüste,

frischer Tau auf dürrem Gras,

wie Heimatklänge für Vermisste,

alte Feinde Hand in Hand.

Wie ein Schlüssel im Gefängnis,

wie in Seenot „Land in Sicht“,

wie ein Weg aus der Bedrängnis,

wie ein strahlendes Gesicht."

Strahlende Gesichter und Früchte, die in der Spätsommersonne rötlich strahlen, wünsche ich Ihnen für den September.

Quelle: Gemeindebrief Französische Kirche Berlin, September 2020. Pfarrer Karl Friedrich Ulrichs.