Geleitwort des Monats

 

Dezember 2019

 

Die Worte des Monats geben Halt und informieren Sie über theologische Aspekte. Dieses Mal sind die Worte von Pfarrer Malte Koopmann.

Was ist wichtig in meinem Leben?

 

Es ist schon ein paar Jahre her. Ein Hubschrauber landet auf einem Feld unweit unserer Wohnung. Eine Bell UH-1D der Luftwaffe. Der erste turbinengetriebene Hubschrauber der US-Streitkräfte, der seinen ersten Einsatz im Vietnam-Krieg der 1970er Jahre „erlebte“. Wir nennen ihn „Teppichklopfer“, weil er nur zwei Rotorblätter hat und dadurch ein typisches Geräusch produziert, was eben an das Teppichklopfen (wer weiß eigentlich noch, wie das geht?) erinnert. Bis 2006 flog er auch für die Bundeswehr, mit einer prägnanten leuchtend-orangen Tür mit der Aufschrift SAR und NOTARZT auch für den Rettungsdienst im zivilen Bereich. Erinnert Ihr euch an die alte Fernsehserie „Die Rettungsflieger“?

Jetzt landet er meinetwegen. Allerdings einer ganz in Tarnfarben. Vorausgegangen war ein Telefonanruf: „Herr Pfarrer, wir brauchen Sie dringend, wir müssen eine Todesnachricht überbringen. Das muss schnell gehen, wir holen Sie auch von zuhause ab.“ Im Hubschrauber setzen mich dann der Kommandeur und der Staffelchef (beide schon in Ausgangsuniform) über die Lage in Kenntnis: Eine junge Frau ist bei einer Offiziers-Ausbildung tot zusammengebrochen (später stellt sich heraus, dass sie einen unerkannten Herzfehler hatte). Bevor sich das herumspricht, müssen die Eltern in Kenntnis gesetzt werden. Die wohnen über 300 km entfernt, darum also der Hubschrauber.

Wir vergewissern uns unserer Rollen für so einen „Fall“. Irgendwann landen wir, wieder auf einem Feld, und ein Auto mit Y auf dem Kennzeichen holt uns ab. Der Fahrer kennt den Weg zur Wohnung der Eltern. Wen wir dort antreffen, können wir aber nicht wissen. Doch wir kennen die Telefonnummer der Eltern. Der Kommandeur wählt sie, es meldet sich ein Mann und nennt dabei seinen Namen - es ist der richtige, der Kommandeur legt ohne zu reden wieder auf. Was normalerweise unhöflich ist, erfüllt hier seinen Zweck.

Wir wissen: Es ist jemand zuhause. Als wir wenige Minuten später an der Haustür klingeln, öffnet der Vater. Er sieht drei Männer vor seiner Tür, zwei davon in Uniform, und weiß sofort, warum wir da sind, noch bevor wir unsere Namen nennen können.

Was ist wichtig in meinem Leben?

Nichts ist in den Stunden und Tagen danach so wie zuvor. Die Bilder der überbrachten Todesnachricht sind zu frisch, ich gehe durch meinen Alltag wie ein anderer Mensch. Widrigkeiten und Probleme, die mir gerade noch schwer im Magen oder auf der Seele lagen - sie sind verschwunden. Nicht, dass sie sich in Luft aufgelöst hätten. Aber sie haben ihr Gewicht verloren. Ich sehe auf sie herab, von oben. Sie sind mit einem Male unwichtig geworden. Das ging mir auch in ähnlichen Situationen später so. Was aber ist wichtig?

Die Familie der toten Frau setzt sich mit mir in Verbindung. Sie hat sonst mit „Kirche nichts zu tun“, aber die gemeinsame Erschütterung hat uns einander näher gebracht. Wir treffen uns auf halber Strecke. Und reden. Lange. Dabei kann ich irgendwann davon erzählen, was mir in diesem Augenblick wirklich wichtig ist. Eigentlich ist es das schon seit dem Tod meiner Großmutter so, dem ersten Tod, den ich bewusst erlebt habe. Gerade jetzt aber kann ich nicht anders, als diesen Bibelvers zu erzählen: „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ (Hiob 19,25; Monatsspruch November). Wie und warum er mich trägt, obwohl er doch Tausende Jahre alt ist. Und dass ich hoffe, dass auch die Familie irgendwann seine Kraft spüren kann und getragen wird, durch die Zeit der Trauer in ein gutes Leben.

Der reformierte Theologe Karl Barth, dessen Todestag sich im vergangenen Dezember zum 50. Male jährte, schrieb angesichts der staatlichen Repressionen, denen die Kirche im Osten ausgeliefert war, 1958 in seiner Broschüre "Brief an einen Pfarrer in der DDR" scheinbar mitleidslos: "Was haben wir (früher) nicht alles für selbstverständlich notwendig gehalten! Die Existenz einer von der übrigen Gesellschaft und besonders vom Staat garantierten oder doch respektierten oder mindestens tolerierten, inmitten des sozialen Gefüges an ihrem Ort so oder so wohlaufgehobenen Kirche! Ihren Sonntag als anerkannten Ruhe- und Feiertag und ihre hohen Festtage, die sich so oder so (man frage nicht wie?) auch im Leben des ganzen Volkes abzeichneten! Kindertaufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung als die christliche Markierung des Rahmens und der Existenz des Herrn Jedermann, in deren Vollzug die Kirche sich ihrer offenkundigen Unentbehrlichkeit immer wieder trösten mochte!" Karl Barth erschien das alles, anders als vielen in unseren Gemeinden heute noch, ganz offenbar unwichtig.

Was ist denn - auch für mich in meiner Kirche! - „selbstverständlich notwendig“? Dass ich durch Ostern erfahren habe: „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Und dass es die Stunden gibt, in denen ich über diese Erfahrung mit anderen Menschen sprechen darf. Das ist wichtig. Vor ein paar Jahren war es so, und ich glaube, so wird es auch bleiben.

Viele solche wichtigen Stunden wünsche ich allen!

Quelle: Gemeindebrief Hohenbruch Brandenburg, September-November 2019. Malte Koopmann.