Geleitwort des Monats

 

Dezember 2020

 

Die Worte des Monats geben Halt und informieren Sie über theologische Aspekte. Dieses Mal sind die Worte von Pfarrer Malte Koopmann.

„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ - Jes 58, 7

 

In seiner ersten Pfarrstelle in Safenwil, gute 50 km von Basel entfernt, lernte Karl Barth die große materielle Armut kennen, in der viele seiner Gemeindeglieder leben mussten. Er nahm ganz offen Partei für die etwa 700 Frauen und Männer, die in den zwei Textilfabriken Safenwils für Niedriglöhne 12 Stunden Tag für Tag arbeiteten, auch wenn ihm das in seinem Gemeindekirchenrat großen Ärger einbrachte. Im Arbeiterverein Safenwil hielt er 1911 einen Vortrag. Hier würdigte er den Sozialismus als direkte Fortsetzung der Geisteskraft, die Jesus von Nazareth in die Geschichte gebracht habe. Die Lehre Jesu und der reale Kapitalismus seien unvereinbar. Dieses System müsse fallen. Und die Kirche müsse endlich mutig aussprechen, dass soziale Not nicht sein solle, und sich dafür auch voll einsetzen. Ein zentraler Satz: „Nicht wir sollen in den Himmel, sondern der Himmel soll zu uns kommen.“ Also: Kirche kann sich nicht in der Vertröstung auf das Jenseits gefallen. Sie muss dafür arbeiten, den Himmel zu den Lebenden zu bringen. Hunger, Obdachlosigkeit, bittere Armut: Dem dürfen Christen nicht länger zusehen. Vor allem dann nicht, wenn unter ihnen auf Kosten der Armen Wohlstand angehäuft wird.

„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ (Jes 58, 7 - Monatsspruch Dezember). Diese Botschaft Jesajas ist auch die Botschaft Jesu und somit Karl Barths Botschaft. Und das schon vor dem ersten Weltkrieg, als die meisten Verantwortlichen der evangelische Kirche nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland im Wort „Sozialismus“ nur ein Wort des Teufels hörten. Die wollten sich gegen soziale Elend der Arbeiterschaft nicht engagieren. So wurde Barth zum „roten Pfarrer von Safenwil“; 1915 trat er in die Sozialdemokratische Partei der Schweiz ein.

Jesaja weiter: „sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt...“ Schon im Januar 1945, also noch vor dem Ende des zweiten Weltkrieges, schrieb Barth seinen Schweizern ins Gewissen („Die Deutschen und wir“): „Es käme nun … darauf an, ob wir bereit sind, denen Freunde zu sein, die uns nötig haben.
... Her zu mir, ihr Unsympathischen, ihr bösen Hitlerbuben und -mädchen, ihr brutalen SS-Soldaten, ihr üblen Gestapo-Schurken, ihr traurigen Kompromissler und (Kollaborateure), ihr Herdenmenschen alle, die ihr nun so lange geduldig und dumm hinter eurem so genannten Führer hergelaufen seid … Her zu mir, ich kenne euch wohl …, ich sehe …, dass ihr am Ende seid und wohl oder übel von vorne anfangen müsst, ich will euch erquicken, gerade mit euch will ich jetzt vom Nullpunkt her neu anfangen … Ich bin für euch! Ich bin euer Freund!“

Gottes liebevolle Freundschaft zu den Menschen lebte Barth. So war es für ihn selbstverständlich, schon 1947 in der zerstörten Universität Bonn wieder theologische Vorlesungen zu halten. Denn diese liebevolle Freundschaft Gottes würde alles ändern, und das musste den Menschen gesagt werden: „Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“ So Jesaja weiter. Was für ein wundervolles Bild der Taten Gottes! Kein Krieg, weder dieser „Winter“ noch die Corona-Pandemie werden daran etwas ändern können, dass Gott am Ende jede Dürre zu einem blühenden Garten werden lässt. Advent: ER kommt. Lasst uns das feiern - wie auch immer.

Quelle: Predigt Malte Koopmann.