Serie Tiere in der Bibel

Das Einhorn

„... errette mich von den Einhörnern“

Psalm 22,22 (Lutherbibel, Übersetzung von 1545)

Das Einhorn scheint zurzeit allgegenwärtig zu sein: als Plüschtier, Muster auf Jacken, Cornflakes, Hausschuhen, Schwimmhilfen usw. Doch dieses Fabeltier findet sich auch in der Bibel, an mehreren Stellen im Alten Testament. Das Einhorn wird als unabhängiges, friedfertiges Tier dargestellt. Im Buch Numeri heißt es beispielsweise: „Gott hat sie aus Egypten gefüret / seine freidigkeit ist wie eins Einhorns“ (Num 23,22, Lutherbibel 1545) und im Buch Hiob: „MEinstu das Einhorn werde dir dienen / vnd werde bleiben an deiner krippen?“ (Hi 39,9, Lutherbibel 1545) Oder eben im Psalm 22, der in der Überschrift zitiert ist.

Doch wie kam das Einhorn in die Bibel und wieso finden wir es in modernen Übersetzungen nicht mehr?
Im hebräischen Text ist an den oben zitierten Textstellen von einem „Re’em“ die Rede, einem nicht-domestizierten Tier. Das kann jedes Tier sein, das kein Haustier ist. Als der Text für die Septuaginta im 3. Jahrhundert v. Chr. ins Griechische übersetzt wurde, wurde das „Re’em“ als monókerōs, also Einhorn, übersetzt. Die Itala übersetzte ebenso als „unicornis“ und Luther folgerichtig als „Einhorn“.
Dass es Einhörner gab, daran wurde auch nicht gezweifelt, schließlich hatte bereits Aristoteles das Einhorn in seinem Buch „Historia Animalum" von Aristoteles beschrieben. Die Autorität des griechischen Philosophen versetzte die Existenz des Einhorns mit besonderer Glaubwürdigkeit. Aristoteles hatte das Einhorn einem Bericht von Ktesias aus Knidos, dem Leibarzt des persischen Königshauses, entnommen. In seinem Werk „Indika“ beschrieb Ktesias das Tier als einen wilden Esel mit einem Horn auf der Stirn. Geschichten von Einhörnern gab es im asiatischen Raum bereits vor 5000 Jahren. Die Legende von in Indien lebenden Einhörnern kam bereits 400 v. Chr. nach Europa.
Dass das Einhorn jedoch nur ein Fabelwesen ist und in die Bibel aufgrund eines Übersetzungsfehlers kam, darauf machte Heinrich Sander bereits 1779 in seinem Buch „Vom Einhorn, besonders vom Einhorn in der Bibel“ aufmerksam: „Durch eine genaue Prüfung dieser Stelle (Hiob 14,9-12; Anm. AK), durch die Vergleichung dieses Orts mit allen andern in der Bibel, wo eben dis Thier genannt wird, und durch das Licht der Naturkunde bin ich, wie ich glaube, überzeugt, dass man einmahl in der ganzen Schöpfung, so weit wir sie kennen, das Einhorn der Alten vergebens suchen wird, sodann, dass man in allen Stellen der Bibel, wo Luther und andre an das Einhorn denken, kein andres Thier als eine Ochsenart verstehen muß“ (Heinrich Sanders: Vom Einhorn, besonders vom Einhorn in der Bibel, 1779, in: Heinrich Sanders (...) Kleine Schriften, Bd. 1, hg. v. Heinrich Friedrich Götz, Dessau und Leipzig 1884, S. 101/102).
Ursächlich für die Idee, dass in der Bibel von einem Einhorn die Rede ist, könnten babylonische Reliefs gewesen sein, so wie sie auch im Ischtar-Tor zu finden sind, die heute im Berliner Pergamonmuseum betrachtet werden können. Die Einhörner konnten sich in der Bibel jedenfalls noch fast 200 Jahre nach dem Text Sanders halten. Erst die Revision der lutherischen Übersetzung des Alten Testaments aus dem Jahr 1964 beendet die Anwesenheit der Einhörner in der Bibel. Die Einhörner werden durch wilde Stiere ersetzt, auch wenn zunächst noch auf die frühere Übersetzungsvariante hingewiesen wird. In der Lutherbibel von 1984 ist dann auch der Hinweis auf die Einhörner getilgt.
Die Phantasie beflügelte das Einhorn durch die Jahrtausende. Im Alten China kündigte ein Einhorn die Geburt einer bedeutenden Persönlichkeit an. Das Horn des Einhorns sollte heilende Kräfte besitzen. Dieser Topos blieb über Jahrhunderte erhalten, weshalb es auch heute noch zahlreiche Einhornapotheken gibt. Das Einhorn soll das erste Tier gewesen sein, das Adam benannte. Gott soll ihm die Auf- gabe, den Baum des Lebens zu beschützen, übertragen haben. Deshalb hat es auch die besonderen heilenden Fähigkeiten. Als treuer Gefährte von Adam und Eva verließ es zusammen mit ihnen das Paradies.
Das Einhorn, das den Kopf in der Schoß Marias legt, ist ikonographisch und in zahlrei-chenchristlichen Abbildungen überliefert. Das wilde Einhorn kann durch eine reine Jungfrau gefangen werden, denn sobald das Einhorn sie sieht, legt es sich in ihren Schoß. So wie das Einhorn sich von der Jungfrau einfangen lässt, so hat Gott sich von der Jungfrau Maria durch Jesu Geburt verweltlichen lassen. Gott ist durch die Jungfrau Maria auch Mensch geworden und hat sich für uns geopfert. Die Verbindung von kraftvollem reinem Tier, dessen Horn Männlichkeit ausstrahlt, und der reinen keuschen Jungfrau dürfte zur Beliebtheit des Motivs beigetragen haben.
Im säkularen Bereich schrieben die Dichter des Mittelalters davon, dass die Dame ihres Herzens sie durch ihre Verführung eingefangen hätte wie ein Einhorn. Heinz Rudolf Kunze schreibt davon noch heute.
Auf dem Konzil von Trient im 16. Jahrhundert wurden doppeldeutige Bilder, ausdrücklich werden hier auch Darstellungen des Einhorns genannt, verboten. Im 19. Jahrhundert, mit der Wiederentdeckung der Renaissance, kam es zu einer Renaissance des Einhornmotivs. Seitdem führt es ein reges Eigenleben. Heute ist das Einhorn gegendert, in beiderlei Geschlecht und vermutlich auch divers, überall in der Popkultur zu finden.